Fehlendes Vertrauen ist der Produktivitätskiller Nummer Eins für Teams – und oft schwindet Vertrauen schleichend. An welchen Anzeichen kannst du als Führungskraft oder Teammitglied erkennen, dass das Vertrauen in deinem Team bröckelt? Und was kannst du dagegen tun, wenn du Vertrauensschwund bemerkst?
Typische Anzeichen, dass Vertrauen im Team verloren geht
Vertrauen kann man vielleicht nicht so visuell darstellen und tracken, wie Verkaufszahlen oder Kundenreklamationen. Aber dennoch gibt es sichtbare Anzeichen dafür, dass Vertrauen in einem Team bröckelt. Hier sind ein paar, die mir häufig bei meiner Arbeit mit Teams begegnen:
- Es wird viel hinter verschlossenen Türen gesprochen.
- Es wird öfter getuschelt.
- Wenn bestimmte Kollegen oder die Führungskraft zu einer Gruppe dazustößt, verstummen die Gespräche.
- Im Teammeeting verdrehen Kollegen die Augen, wenn jemand spricht – oder schauen demonstrativ auf den Boden oder zum Fenster raus.
- Es fallen immer häufiger sarkastische Bemerkungen im Team.
- Es herrscht demonstratives Schweigen im Teammeeting, wenn die Führungskraft dazu auffordert, Fragen zu stellen oder Meinungen zu einem Thema zu äußern.
- Nach dem Teammeeting bilden sich sofort kleine Grüppchen zur inoffiziellen Nachbesprechung à la „Das ging ja gar nicht“ oder „Was war das denn bitte wieder?“
- Kollegen sprechen häufiger übereinander – statt miteinander.
- Auch kleinere Unstimmigkeiten zwischen Kollegen werden zur Führungskraft eskaliert – statt sie im direkten Gespräch zu klären.
- Wenn Fehler passieren ist der erste Reflex, Schuldige zu suchen (oder die eigene Unschuld zu beweisen) – statt das Problem zu beheben.
- Es werden „Cover-your-ass“ E-Mails verschickt: alles wird genaustens dokumentiert, um sicher zu gehen, dass einem keiner „an den Karren fahren“ kann.
- Informationen werden zurückgehalten – statt offen geteilt.
- Niemand traut sich, eine Entscheidung zu treffen.
- Niemand möchte Verantwortung für ein Projekt übernehmen.
- Wenn etwas schief läuft gibt es viel Empörung – und es werden gerne auch mal empörte E-Mails geschrieben – mit Gott und der Welt und in cc.
Kommt dir einiges davon bekannt vor? Dann hast du es höchstwahrscheinlich mit Vertrauensschwund in deinem Team zu tun.
Warum schwindet Vertrauen im Team?
Die Gründe, warum Vertrauen in einem Team nicht da ist oder über die Zeit schwindet, können sehr vielfältig sein. Sie lassen sich nur im jeweiligen Kontext und mit den betroffenen Personen klären.
Die Vertrauensformel und ihre Bestandteile geben aber gute Hinweise, an welchen Parametern es meistens hakt, wenn das Vertrauen bröckelt. Vertrauen verschwindet, wenn Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit oder Nähe fehlen – oder über einen längeren Zeitraum immer wieder leiden. Und Vertrauen schwindet auch, wenn zu viel Selbstbezogenheit im Spiel ist.
Fehlende Glaubwürdigkeit lässt das Vertrauen bröckeln
Glaubwürdigkeit im Arbeitskontext bedeutet, dass die Person Ahnung hat, von dem was sie tut. Es bedeutet, dass das, was sie sagt Hand und Fuß hat – und nicht nur heiße Luft ist. Stellt sich der neue Kollege im Lauf der Zeit als „Dampfplauderer“ heraus – der zwar kluge Reden schwingt, aber bei konkreten Nachfragen ins Straucheln kommt und die Theorie nicht in der Praxis anwenden kann – dann sinkt seine Glaubwürdigkeit. Und das lässt das Vertrauen bröckeln. Und führt zu Augenrollen im Meeting usw.
Unzuverlässigkeit kostet Vertrauen
Verlässlichkeit bedeutet: tue ich auch das, was ich sage? Können meine Kolleginnen sich drauf verlassen, dass ich Deadlines einhalte, meine Aufgaben in der erwarteten Qualität erledige und Vertrauliches für mich behalte?
Wenn Kollegen sich immer wieder als wenig verlässlich zeigen – weil sie tratschen, Deadlines verbummeln, Projekte und Aufgaben an sich reißen – aber dann nicht liefern – hat das einen negativen Einfluss aufs Vertrauen: wir glauben dieser Person einfach irgendwann nicht mehr, dass sie das liefern wird, was sie verspricht.
Zu viel Selbstbezogenheit ist Gift für das Vertrauen im Team
Jede Beziehung lebt von der guten Balance zwischen Geben und Nehmen. Wenn zu viel „Ego“ im Spiel ist, dann leidet diese Balance.
Agiert die Kollegin nach einer versteckten Agenda? Hat der Kollege nur seinen eigenen Vorteil im Kopf und schert sich nicht darum, welche Konsequenzen das für den Rest des Teams hat? Nimmt die Führungskraft keine Rücksicht auf die Interessen und Einwände der Teammitglieder? Ist sie beratungsresistent und zieht einfach den eigenen Stiefel durch? All das wirkt sich im Dauerbetrieb negativ auf das Vertrauen im Team aus.
Was tun, wenn das Vertrauen im Team bröckelt?
Wenn du das Gefühl hast, dass in deinem Team das Vertrauen schwindet, dann geben dir diese 4 Schritte eine Orientierung, was du tun kannst.
Schritt 1: Die Anzeichen erkennen
Erkennst du eins oder mehrere der oben genannten Anzeichen in deinem Team wieder? Ist das nicht nur eine einmalige Ausnahme – sondern ein Dauerzustand, der sich eher verstärkt? Dann kannst du dir ziemlich sicher sein, dass sich in deinem Team gerade das Vertrauen in Luft auflöst.
Schritt 2: Deine Beobachtungen ansprechen
Sprich zunächst mit Kolleg*innen, denen du vertraust darüber: nehmen sie das auch wahr? Oder siehst nur du das so? Wenn mehrere Kollegen diese Beobachtungen teilen, dann solltest du dich an die Ursachenforschung machen.
Schritt 3: Die Ursachen erforschen
Finde zunächst heraus, wo genau das Vertrauen leidet. Zwischen einzelnen Teammitgliedern? Zwischen mehreren Teammitgliedern? Zwischen Führungskraft und Teammitgliedern? Begib dich dann – gemeinsam mit den betroffenen Personen – auf die Suche nach den Ursachen.
Hierbei leistet die Vertrauensformel gute Dienste: was genau hat in den letzten Wochen und Monaten dazu geführt, dass Vertrauen verloren ging? Lag es an mangelnder Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit oder Nähe? Oder war zu viel Ego im Spiel?
Wichtig ist dabei, genaue Situationen zu beschreiben. Keine pauschalen Vorwürfe wie „Du bist so unzuverlässig“. Sondern besser: „Du hast in den letzten Wochen 5 Termine kurzfristig abgesagt. Deshalb fällt es mir schwer zu glauben, dass der nächste Termin planmäßig stattfinden wird“. Mit konkreten Beispielen wird die Ursache viel klarer – und es ist auch leichter, Abhilfe zu schaffen.
Schritt 4: für Abhilfe sorgen
Ist die Ursache erst mal geklärt, lassen sich meist auch ganz gut Lösungen ableiten. Voraussetzung ist natürlich, dass die Betroffenen ernsthaft interessiert sind, das Vertrauen wieder zu verbessern. Wichtig ist dabei, sich regelmäßig ein Feedback einzuholen – bzw. sofort anzusprechen, wenn das Gegenüber sich gerade wieder „vertrauensraubend“ verhält.
Wenn du die Person bist, die für mehr Vertrauen sorgen möchte, dann solltest du ganz bewusst „over-delivern“. Also z.B. überpünktlich sein, damit die zarten Vertrauenspflänzchen wachsen können – und nicht gleich wieder zum Unzuverlässigkeits-Bulldozer unter gepflügt werden. Du solltest auch auf deine Sprache achten. Es gibt Sätze, die Vertrauen schaffen. Und welche, die Vertrauen zerstören.
Das Schlimmste, was du tun kannst ist, deine „Besserungsgelöbnisse“ bei der nächsten Gelegenheit über den Haufen zu werfen und nicht zu liefern, was du versprochen hast. Damit verspielst du dir die Chance, das Vertrauen wieder herzustellen – denn du hast dich (erneut) als unzuverlässig erwiesen. Warum sollte dir als jemand in Zukunft Vertrauen schenken?
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Liebe Evelyn,
dein Artikel hat mich sehr angesprochen, weil du Vertrauen im Team nicht nur als „Nice-to-have“, sondern als grundlegende Bedingung für gute Zusammenarbeit beschreibst. Wenn Vertrauen fehlt, stockt alles: Kreativität, Initiative und echtes Miteinander. Das, was du beschreibst, habe ich zum Teil schon selbst erlebt.
Besonders gut gefällt mir, wie du deutlich machst, dass Vertrauen nicht einfach da ist, sondern in kleinen, täglichen Momenten entsteht. Danke für diese klare, ruhige und hilfreiche Perspektive.
Liebe Grüße
Cirsten
Danke, liebe Cirsten für deinen Kommentar. Ich erlebe auch oft, dass Vertrauen als „nice-to-have“ abgetan wird. Dabei ist es ein knallharter Produktivitätshebel. Und ja, Vertrauen ist das Ergebnis von vielen kleinen Schrittchen. Dazu fällt mir dieser schöne Spruch ein: „Trust ist earned in drops – and lost in buckets“.
Liebe Grüße,
Evelyn