Changeprozesse gestalten: Was Führungskräfte vom Buddhismus lernen können

Altes loslassen, wenn eine Veränderung ansteht – das fällt vielen Mitarbeitenden in Unternehmen schwer. Und das, obwohl Veränderung längst der neue Normalzustand ist und die Geschwindigkeit der Veränderungen rasant Fahrt aufnimmt. Im Interview mit Pia Hübinger, Expertin für kontemplative Psychologie, bin ich der Frage nachgegangen, was es mit dem Festhalten am Alten auf sich hat und was wir vom Buddhismus über das Loslassen in Changeprozessen lernen können.

Warum Menschen an Vertrautem festhalten


Pia, wenn in Unternehmen Veränderungen anstehen, dann formiert sich häufig Ablehnung gegenüber dem Neuen. Die Betroffenen klammern sich an das Alte und Bewährte und finden viele Argumente, warum das Neue nicht funktionieren kann. Welche Erklärung hast du für dieses Verhalten?

Pia Hübinger: Ablehnung gegenüber dem Neuen in Changeprozessen ist ein häufiges und durchaus verständliches Phänomen. Diese Reaktion hat sowohl psychologische als auch kulturelle und organisatorische Ursachen.

Das Vertraute gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle


Die psychologische Erklärung liefert unser Gehirn: es ist darauf programmiert, Sicherheit zu suchen. Das Vertraute gibt uns das Gefühl, die Dinge zu verstehen und unter Kontrolle zu haben. Das Alte mag nicht perfekt gewesen sein, aber es war berechenbar. Veränderung hingegen bedeutet Ungewissheit – und Ungewissheit aktiviert in uns das sogenannte „Stressor-System“. Dieses evolutionär verankerte System sorgt dafür, dass wir auf potenzielle Gefahren vorbereitet sind, oft in Form von Flucht- oder Kampfreaktionen. Im Unternehmenskontext zeigt sie sich das in Form von Widerstand: Mitarbeitende stellen die Veränderung infrage, klammern sich an bestehende Prozesse oder werden passiv.

Gewohnheiten bieten Orientierung und stiften Identität


Die kulturelle Erklärung: In vielen Unternehmen existieren etablierte Routinen, Werte und informelle Regeln, die Teil der Unternehmenskultur sind. Diese Gewohnheiten bieten Orientierung und Stabilität, gerade in komplexen Umfeldern. Wenn Veränderungen diese kulturellen Muster infrage stellen, entsteht oft das Gefühl, dass nicht nur Arbeitsweisen, sondern auch Identität und Zugehörigkeit bedroht sind. Das Alte hat schließlich das Unternehmen bis zu diesem Punkt getragen. Es ist nicht nur funktional, sondern symbolisch aufgeladen.

Mangelnde Einbindung verstärkt das Festhalten am Alten.


Ein weiterer Grund für Ablehnung liegt häufig in der Art und Weise, wie Veränderungen kommuniziert und umgesetzt werden. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, dass die Veränderung „über ihre Köpfe hinweg“ entschieden wurde, fühlen sie sich entmachtet und nicht gesehen. Diese mangelnde Einbindung verstärkt das Festhalten am Alten, denn es gibt keine emotionale oder rationale Grundlage, die für das Neue spricht.

Die buddhistische Perspektive: Veränderung als natürlicher Fluss

Vielen Dank für diese einleuchtenden Erklärungen. Jetzt bin ich gespannt: wie ist die buddhistische Perspektive auf Loslassen und Veränderung? 

Pia Hübinger: Der Buddhismus lehrt, dass Veränderung die einzige Konstante im Leben ist. Alles – Menschen, Situationen, sogar Gedanken – ist im Fluss. Aus Angst vor dem Unbekannten klammern wir uns an das, was wir kennen. Diese Anhaftung entsteht aus der Illusion, dass wir Sicherheit schaffen können, indem wir am Alten festhalten. Doch in Wirklichkeit führt genau diese Anhaftung zu Leid, weil sie uns gegen den natürlichen Fluss des Lebens stellt.

Anhaftung führt zu Leid, weil sie sich gegen den natürlichen Fluss des Lebens stellt


Das Verstehen dieser Dynamiken ist der erste Schritt, um Veränderung anders anzugehen. Anstatt Widerstand als Hindernis zu betrachten, können Unternehmen ihn als Einladung verstehen, mit Mitarbeitenden in einen Dialog zu treten. Widerstand zeigt, dass Emotionen im Spiel sind, und das ist ein guter Ausgangspunkt, um Mitarbeitende in den Wandel einzubinden.

Die Veränderung beginnt also nicht bei den Prozessen, sondern bei den Menschen – ihrem Sicherheitsbedürfnis, ihrer Zugehörigkeit und ihrer Identität. Wenn wir diese verstehen, schaffen wir Raum für echten Wandel.

Im nächsten Schritt können Führungskräfte das Alte bewusst würdigen. Es fällt uns Menschen leichter, etwas loszulassen, wenn wir das Gefühl haben, dass das, was wir geleistet und erlebt haben, nicht einfach abgewertet wird. Durch diese Wertschätzung können Führungskräfte eine Brücke schaffen, die den Übergang erleichtert – vom Alten zum Neuen, ohne die Verbindung zum Erreichten zu verlieren.

Warum unfreiwillige Veränderungen so herausfordernd sind


Was sind aus deiner Sicht die größten Herausforderungen für Menschen, die mit einer nicht selbst gewählten Veränderung wie einer Umstrukturierung oder Stellenabbau konfrontiert werden?

Pia Hübinger: Eine nicht selbst gewählte Veränderung bringt viele Herausforderungen mit sich, sowohl auf der emotionalen als auch auf der praktischen Ebene. Diese Prozesse wirken oft subtil, sind aber für die Betroffenen sehr real und können sich auf ihre Leistungsfähigkeit, Motivation und ihr Wohlbefinden auswirken.

Eine der größten Herausforderungen bei unfreiwilligen Veränderungen ist das Gefühl des Kontrollverlusts. Wenn Entscheidungen von oben getroffen werden, ohne dass die Betroffenen in den Prozess einbezogen werden, entsteht oft Widerstand. Dieses Gefühl, keine Wahl zu haben, löst Stress aus, da wir Menschen von Natur aus Autonomie schätzen. Aus buddhistischer Sicht ist Kontrolle jedoch immer nur eine Illusion, da nichts im Leben wirklich kontrollierbar ist. Trotzdem ist es ein tiefes menschliches Bedürfnis, das nicht ignoriert werden kann.

Um diesen Verlust auszugleichen, ist es wichtig, den Betroffenen zumindest in kleinen Bereichen Mitbestimmung zu ermöglichen. Das stärkt das Gefühl, Teil des Prozesses zu sein, und verringert das Gefühl der Ohnmacht.

Veränderungen lösen Ängste aus, die oft unbewusst bleiben


Eine weitere zentrale Herausforderung ist die Unsicherheit darüber, was kommt. Veränderungen – sei es eine Re-Organisation, neue Prozesse oder IT-Systeme – werfen Fragen auf: „Werde ich die neuen Anforderungen erfüllen können? Werde ich noch gebraucht? Was passiert, wenn ich scheitere?“ Diese Ängste sind nicht immer ausgesprochen, oft nicht einmal den Betroffenen wirklich bewusst, doch sie beeinflussen die Haltung gegenüber der Veränderung massiv.

Buddhistisch betrachtet sind diese Ängste Ausdruck unserer Anhaftung an ein festes Selbstbild: Wir definieren uns durch unsere bisherigen Rollen und Fähigkeiten. Eine Veränderung wird als Bedrohung für dieses Selbstbild wahrgenommen. Der Schlüssel liegt darin, die Unsicherheit anzuerkennen und zu akzeptieren, dass sie ein natürlicher Bestandteil jeder Veränderung ist.

Menschen, die sich einer unfreiwilligen Veränderung stellen, müssen oft Abschied von etwas nehmen, das für sie Sicherheit, Struktur oder sogar Sinn gestiftet hat. Dies kann ein vertrauter Arbeitsablauf, eine Rolle im Team oder eine langjährige Zugehörigkeit zu einem bestimmten Bereich sein. Dieser Abschied ist ein Prozess, der Zeit braucht und emotional belastend sein kann.

Was wäre, wenn das Alte dafür gewürdigt wird, dass es das Neue überhaupt ermöglicht?


Es ist wichtig, diesen Verlust zu würdigen. Im Buddhismus wird Loslassen nicht als Abwertung des Alten verstanden, sondern als eine bewusste Wertschätzung dessen, was war, bevor Raum für Neues geschaffen wird. Rituale oder Reflexionen können dabei helfen, diesen Übergang bewusst zu gestalten.

Hinzu kommt, dass die Erwartung, sich schnell auf neue Prozesse oder Technologien einstellen zu müssen, überfordern kann. Besonders wenn die Veränderung mit steilen Lernkurven oder einem hohen Zeitdruck verbunden ist, fühlen sich viele Menschen überfordert. Diese Überforderung kann zu Rückzug, Widerstand oder auch Burnout führen.

Ein buddhistischer Ansatz wäre hier, sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren. Anstatt sich von der Gesamtheit der Veränderung überwältigen zu lassen, hilft es, kleine, konkrete Schritte zu machen und sich auf das zu fokussieren, was gerade jetzt, in diesem Augenblick, wichtig ist.

Eine weitere, häufig unterschätzte Herausforderung ist die emotionale Verarbeitung von Veränderung. Widerstand, Unsicherheit, Trauer und Überforderung sind normale Reaktionen, die jedoch oft ignoriert oder als hinderlich abgetan werden. Dabei ist es genau diese emotionale Ebene, die den Wandel nachhaltig beeinflusst. Menschen brauchen Raum und Zeit, um ihre Gefühle zu benennen und zu verarbeiten.

Wie Führungskräfte ihre Mitarbeitenden im Changeprozess unterstützen können


Soweit die Theorie. Jetzt mal ganz praktisch: wie können Führungskräfte dieses Wissen im Arbeitsalltag anwenden, um ihren Mitarbeitenden die Veränderung zu erleichtern?

Pia Hübinger: im wesentlichen geht es um diese vier Punkte:

  • Offene Kommunikation: Transparenz darüber, warum die Veränderung notwendig ist, nimmt Ängste und stärkt das Vertrauen.
  • Emotionen Raum geben: Führungskräfte sollten nicht nur technische Fragen klären, sondern auch die emotionale Dimension der Veränderung anerkennen. Gespräche, Reflexionen oder Team-Workshops können helfen, Unsicherheiten und Widerstände zu adressieren.
  • Mitgestalten ermöglichen: Auch kleine Möglichkeiten zur Mitgestaltung können das Gefühl der Autonomie stärken und die Akzeptanz fördern.
  • Schrittweises Vorgehen: Veränderungen sollten nicht auf einmal eingeführt werden, sondern in Etappen, die für die Mitarbeitenden überschaubar sind.

Ein buddhistischer Impuls: Veränderung nicht bekämpfen – sondern als natürliche Gegebenheit annehmen.


Im Buddhismus geht es bei Veränderungen nicht darum, sie zu bekämpfen oder zu vermeiden, sondern darum, sie anzunehmen. Veränderung wird nicht als Ausnahmezustand, sondern als natürliche Gegebenheit betrachtet. Wenn Führungskräfte diese Perspektive übernehmen, können sie den Wandel als eine Phase des Lernens und Wachstums gestalten – für das Unternehmen und die Menschen darin.

Indem wir die Herausforderungen erkennen und sie mit Empathie und Geduld angehen, wird Veränderung nicht nur ein Prozess des Abschieds, sondern auch eine Chance für neue Möglichkeiten.

Das Alte würdigen – ein unterschätzter Schlüssel

Bei Veränderungen in Unternehmen liegt der Fokus häufig auf dem Neuen, das möglichst schnell in die Umsetzung gebracht werden soll. Das Alte wird dabei oft nicht beachtet – oder sogar schlechtgeredet. Wie schaust du auf dieses Vorgehen? Hilft das der Veränderung, oder eher nicht?

Pia Hübinger: Ich beobachte das auch oft: Wenn Veränderungen in Unternehmen anstehen, wird der Fokus häufig auf das Neue gerichtet – auf Ziele, Technologien, Prozesse und Strategien, die umgesetzt werden sollen. Dieser Blick nach vorne ist verständlich und notwendig, da er Orientierung und Richtung gibt. Doch allzu oft geschieht dies auf Kosten des Alten, das schnell als überholt, ineffizient oder unmodern abgetan wird. Dadurch wird eine wertvolle Dimension des Veränderungsprozesses übersehen: das bewusste Würdigen und Verabschieden des Alten.

Das Alte verkörpert für viele Menschen Erfolg, Sinn, und ihre Identität.


Das Alte ist für viele Menschen mehr als ein bloßer Arbeitsprozess oder ein technisches System. Es verkörpert vertraute Strukturen, Sicherheit und vor allem Sinn. Es ist das, womit sie Erfolg hatten, worauf sie ihre Identität in der Arbeitswelt aufgebaut haben. Wird das Alte schlechtgeredet, fühlen sich Mitarbeitende oft entwertet, als ob ihre bisherigen Leistungen und ihr Beitrag keinen Wert mehr hätten. Oder, noch schlimmer: Als hätte es nie einen Wert gehabt! Damit wäre all die Zeit, die Anstrengung, das Herzblut, das man dafür aufgewendet hat, vergebens gewesen.

Ohne das Alte anzuerkennen, fehlt oft der innere Abschluss, der notwendig ist, um wirklich loslassen zu können.


Diese emotionale Ebene ist entscheidend – sie beeinflusst, wie Menschen sich mit dem Neuen auseinandersetzen.

Aus buddhistischer Perspektive hat Loslassen immer zwei Seiten: das Anerkennen und Wertschätzen dessen, was war, und das bewusste Öffnen für das, was kommt. Ohne die erste Komponente bleibt das Loslassen unvollständig, oberflächlich und oft schmerzhaft. Das Alte war Teil eines natürlichen Entwicklungsprozesses. Es hat seinen Zweck erfüllt und darf mit Respekt verabschiedet werden.

Diese Würdigung ist kein nostalgisches Verweilen in der Vergangenheit, sondern eine Anerkennung des Fundaments, auf dem das Neue aufgebaut wird. Das Alte ist nicht der Feind des Fortschritts, sondern sein Ausgangspunkt.

Ein bewusster Umgang mit dem Alten kann dabei helfen, emotionale Blockaden gegenüber dem Neuen abzubauen. Rituale wie eine gemeinsame Reflexion über das, was funktioniert hat, oder das Teilen von Lernerfahrungen aus der bisherigen Arbeitsweise schaffen eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Diese innere Bewegung – die Wertschätzung und das Zulassen des Wandels – kann den Übergang zum Neuen erleichtern.

Veränderung ist kein Bruch, sondern ein Übergang


Die Herausforderung besteht darin, nicht in Extremen zu denken: weder im Verklären des Alten noch im überstürzten Streben nach dem Neuen. Veränderung ist kein Bruch, sondern ein Übergang, der bewusst gestaltet werden muss. Wenn Unternehmen die emotionale Dimension von Veränderungen berücksichtigen und das Alte nicht verdrängen, sondern in den Wandel einbeziehen, schaffen sie Raum für echten Fortschritt. So wird Veränderung zu einem Prozess des Wachstums – für das Unternehmen und die Menschen, die es tragen.

Erst durch Loslassen kann das Neue entstehen


Warum ist Loslassen in Veränderungssituationen so wichtig?

Pia Hübinger: Loslassen ist ein zentraler Bestandteil jedes Veränderungsprozesses, weil es den Raum schafft, den das Neue benötigt, um wirklich entstehen zu können. Solange wir an etwas festhalten – seien es alte Arbeitsweisen, Überzeugungen, Rollen oder Prozesse –, binden wir unsere Energie an die Vergangenheit und verhindern, dass sie sich auf die Zukunft ausrichten kann. Dieses Festhalten geschieht oft unbewusst, doch es kann den Wandel stark verlangsamen oder sogar blockieren.

Loslassen bedeutet nicht, das Alte zu verdrängen oder abzuwerten, sondern es bewusst anzuerkennen und zu verabschieden. Das Alte war einmal sinnvoll und hat seinen Zweck erfüllt, doch alles ist vergänglich. Dieser Gedanke ist tief in der buddhistischen Philosophie verwurzelt: Veränderung ist die einzige Konstante, und wenn wir gegen diese Wahrheit ankämpfen, erzeugen wir unnötiges Leid. Loslassen ist der Akt, diese Vergänglichkeit anzunehmen, ohne Widerstand dagegen aufzubauen.

Das Alte war einmal sinnvoll und hat seinen Zweck erfüllt.


Im Unternehmenskontext zeigt sich die Notwendigkeit des Loslassens besonders deutlich. Veränderungen bringen Unsicherheiten und oft auch Verluste mit sich: vertraute Strukturen, liebgewonnene Routinen oder das Gefühl der Kompetenz in der bisherigen Rolle. Ohne Loslassen entsteht eine emotionale Anhaftung an das Vertraute, die den Blick auf das Neue trübt. Mitarbeitende, die nicht loslassen können, erleben den Wandel häufig als Bedrohung, weil sie im Alten gefangen bleiben. Sie vergleichen das Neue ständig mit dem Alten, bewerten es negativ und verpassen dadurch die Möglichkeit, das Potenzial des Neuen zu erkennen.

Doch Loslassen ist mehr als nur eine persönliche Herausforderung. Es hat auch eine kollektive Dimension. In einem Team oder einer Organisation, in der das Alte nicht bewusst verabschiedet wird, bleibt oft eine Art „unsichtbare Schwere“ zurück. Alte Denkmuster oder unausgesprochene Enttäuschungen wirken unterschwellig weiter und beeinflussen die Dynamik. Dieser Zustand kann zu einem Widerstand führen, der sich nicht durch rationale Argumente auflösen lässt, weil er tief in den Emotionen der Menschen verwurzelt ist.

Loslassen ist deshalb so wichtig, weil es nicht nur einen emotionalen Abschluss ermöglicht, sondern auch eine innere Freiheit schafft. Es ist der Moment, in dem Menschen sich von dem Druck befreien, das Alte bewahren oder rechtfertigen zu müssen. Diese Freiheit ist entscheidend, um das Neue mit Offenheit und Neugier anzunehmen. Loslassen bedeutet, innerlich Platz zu schaffen – für neue Ideen, neue Perspektiven und neues Vertrauen.

Wenn Unternehmen Loslassen aktiv fördern, können sie Widerstände abbauen und den Übergang erleichtern. Es geht dabei nicht nur um das Loslassen des Alten, sondern auch um das Loslassen von Erwartungen, wie Veränderung „zu funktionieren“ hat. Denn nicht alles wird sofort reibungslos verlaufen, und das gehört dazu. Loslassen bedeutet in diesem Zusammenhang auch, sich nicht an Perfektion oder schnellen Ergebnissen festzuklammern, sondern den Prozesscharakter des Wandels zu akzeptieren.

Die Stärke des Loslassens liegt darin, dass es uns mit der Veränderlichkeit des Lebens versöhnt. Es erfordert Mut und Vertrauen, denn Loslassen bedeutet immer auch, Ungewissheit zuzulassen. Doch genau in dieser Ungewissheit liegt die Chance auf Wachstum – für uns als Einzelne und für die Organisationen, in denen wir arbeiten.

Wie geht Loslassen im buddhistischen Sinn?

Wie genau geht Loslassen im buddhistischen Sinn? Und wie könnte das z. B. im Rahmen einer Re-Organisation aussehen?

Pia Hübinger: Loslassen ist ein vielschichtiger Prozess, der sowohl auf emotionaler als auch auf praktischer Ebene stattfindet. Es erfordert Bewusstheit, Wertschätzung und eine klare innere Haltung. Gerade in einer Re-Organisation, die oft von Unsicherheit, Druck und schnellen Veränderungen geprägt ist, zeigt sich, wie entscheidend ein achtsames Loslassen für einen erfolgreichen Übergang ist.

Ein Aspekt, der bei Re-Organisationen häufig übersehen wird, ist die Dynamik, die entsteht, wenn Personen ersetzt werden – sei es in Schlüsselrollen oder in der Führungsebene. Wenn eine Führungskraft ausgetauscht wird, kommt es oft zu einer doppelten Herausforderung: Die neue Führungskraft steht unter Druck, sich zu beweisen, und die Mitarbeitenden stehen unter Druck, sich anzupassen. In diesem Spannungsfeld wird Loslassen besonders schwierig.

Für die neue Führungskraft besteht die Versuchung, schnell Veränderungen umzusetzen, um Präsenz und Autorität zu zeigen. Oft geschieht dies ohne Würdigung dessen, was vor der eigenen Zeit war. Das Alte wird abgewertet oder ignoriert, weil der Fokus allein auf der eigenen Vision und den geplanten Neuerungen liegt. Dies kann dazu führen, dass Mitarbeitende nicht nur das Gefühl haben, dass ihre bisherigen Leistungen und Beiträge entwertet werden, sondern auch eine tiefere Angst entsteht: „Wenn schon die alte Führungskraft ersetzt wurde, wie sicher ist dann meine eigene Position?“ Diese Unsicherheit verstärkt den Widerstand gegen das Neue erheblich.

Mitarbeitende, die sich nicht gesehen oder wertgeschätzt fühlen, ziehen oft nur halbherzig mit – nicht aus Unwillen, sondern aus einer Mischung aus Enttäuschung und Selbstschutz. Wenn dazu noch das Gefühl kommt, dass sie im Wandel nur eine Funktion erfüllen sollen und austauschbar sind, fehlt die emotionale Basis für echtes Engagement.

Um diese Dynamik zu durchbrechen, ist es für die neue Führungskraft entscheidend, das Alte nicht zu verdrängen, sondern bewusst zu würdigen. Ein erfolgreicher Start in einer neuen Rolle beginnt mit Zuhören:

  • Reflektion des Vergangenen: Die neue Führungskraft kann das Team aktiv einladen, über die bisherigen Erfolge, Herausforderungen und Stärken der alten Struktur zu sprechen. Das zeigt Respekt und schafft Vertrauen.
  • Gemeinsames Lernen: Statt das Alte einfach zu ersetzen, könnte gefragt werden: „Was hat bisher gut funktioniert, was nehmen wir mit?“ Dies integriert die Erfahrungen des Teams ins Neue.
  • Angst abbauen: Eine offene Kommunikation darüber, warum Veränderungen notwendig sind, und die klare Botschaft, dass der Wandel eine gemeinsame Aufgabe ist, können Unsicherheiten reduzieren.

Für die Mitarbeitenden ist es ebenso wichtig, den emotionalen Raum zu bekommen, um ihre Unsicherheit und möglichen Verlustängste auszudrücken. Wenn dieser Raum nicht geschaffen wird, bleiben diese Emotionen unausgesprochen und wirken unterschwellig weiter – häufig als Widerstand oder innere Kündigung.

Loslassen bedeutet hier, den Mitarbeitenden die Chance zu geben, die alte Führung und das bisherige System bewusst zu verabschieden. Gleichzeitig braucht es Zeit und Vertrauen, damit die neue Führungskraft sich etablieren kann, ohne sofort zu große Veränderungen durchzusetzen. Ein schrittweiser Übergang, der Wertschätzung und Transparenz in den Mittelpunkt stellt, schafft eine Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die persönliche Haltung der neuen Führungskraft. Loslassen bedeutet für sie, nicht krampfhaft an der Idee festzuhalten, dass jede Veränderung sofort umgesetzt werden muss, um erfolgreich zu sein. Stattdessen kann sie mit Geduld und Achtsamkeit vorgehen, das Team kennenlernen und eine Beziehung aufbauen, bevor größere Schritte eingeleitet werden. Diese innere Balance – aus Respekt vor dem Alten und Offenheit für das Neue – zeigt, dass Loslassen nicht gleichbedeutend ist mit einem Bruch, sondern mit einem bewussten Übergang.

Loslassen ist letztlich eine doppelte Bewegung: Für die Führungskraft bedeutet es, den Druck loszulassen, sich sofort beweisen zu müssen, und für die Mitarbeitenden bedeutet es, sich von alten Strukturen und möglicherweise der alten Führungskraft zu verabschieden. Wenn dieser Prozess respektvoll gestaltet wird, kann eine Re-Organisation nicht nur gelingen, sondern auch zu einer echten Chance für Wachstum und Neuausrichtung werden.

Tipps für Führungskräfte: So gelingt loslassen

Was würdest du Führungskräften mit auf den Weg geben? Wie können sie dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden gut loslassen können?

Pia Hübinger: Eine der zentralen Einsichten für Führungskräfte ist, dass gute Führung immer bei der Selbstführung beginnt. Veränderungen in Unternehmen bringen nicht nur Unsicherheiten und Herausforderungen für die Mitarbeitenden mit sich, sondern auch für die Führungskraft selbst. Gerade in Zeiten des Wandels ist die Art und Weise, wie eine Führungskraft mit ihren eigenen Emotionen, Unsicherheiten und Erwartungen umgeht, entscheidend dafür, ob sie ihren Mitarbeitenden den Raum geben kann, gut loszulassen.

Selbstführung als Basis für vertrauensvolle Führung


Selbstführung bedeutet, sich der eigenen Reaktionen auf Veränderung bewusst zu werden und sie aktiv zu steuern. Eine Führungskraft, die selbst an alten Überzeugungen, Kontrollbedürfnissen oder unrealistischen Perfektionserwartungen festhält, wird dies unweigerlich auf ihr Team übertragen. Wenn beispielsweise eine Führungskraft von der Angst getrieben ist, im neuen System nicht erfolgreich zu sein, wird sie unbewusst Druck auf ihre Mitarbeitenden ausüben, schnell zu liefern oder perfekt zu funktionieren.

Selbstführung beginnt mit Selbstreflexion:

  • Woran halte ich fest? Vielleicht ist es das Bedürfnis, immer alles im Griff zu haben, oder die Sorge, Fehler könnten meine Autorität infrage stellen.
  • Was löst die Veränderung in mir aus? Unsicherheit, Angst vor dem Neuen oder vielleicht auch Trauer über das, was aufgegeben wird?
  • Wie beeinflussen meine inneren Reaktionen mein Führungsverhalten? Bin ich ungeduldig, überkontrollierend oder zurückhaltend?

Indem eine Führungskraft ihre eigenen Anhaftungen und Ängste erkennt und aktiv bearbeitet, schafft sie die Grundlage für eine authentische und empathische Führung. Selbstführung ist hier nicht nur ein persönlicher Prozess, sondern ein Beitrag zur emotionalen Sicherheit des gesamten Teams.

Innere Stabilität als Anker für das Team


In Veränderungsphasen suchen Mitarbeitende Orientierung und Stabilität. Eine Führungskraft, die emotional zentriert ist und Klarheit ausstrahlt, wird von ihrem Team als vertrauenswürdig wahrgenommen. Diese innere Stabilität entsteht durch Achtsamkeit und die Fähigkeit, mit den eigenen Unsicherheiten in Kontakt zu bleiben, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Das bedeutet nicht, dass eine Führungskraft keine Zweifel haben darf – im Gegenteil. Es geht darum, diese Zweifel zuzulassen und gleichzeitig handlungsfähig zu bleiben.

Eine Führungskraft, die beispielsweise sagt: „Ich weiß, dass diese Veränderung herausfordernd ist – auch für mich. Aber wir werden das gemeinsam angehen, Schritt für Schritt,“ zeigt Authentizität und schafft Vertrauen. Mitarbeitende spüren, dass ihre Führungskraft ebenfalls im Wandel steht, aber gleichzeitig bereit ist, diesen Wandel anzunehmen und mutig voranzugehen.

Führungskräfte können ihre Mitarbeitenden nur dann im Loslassen unterstützen, wenn sie es selbst vorleben. Das bedeutet:

  • Loslassen von Perfektion: Veränderungen verlaufen selten reibungslos. Eine Führungskraft, die Fehler als Teil des Prozesses akzeptiert und offen damit umgeht, ermutigt ihr Team, ebenfalls Fehler zu machen, ohne Angst vor Konsequenzen zu haben.
  • Loslassen von Kontrolle: Führung bedeutet nicht, jede Entscheidung selbst zu treffen oder jedes Detail zu überwachen. Indem Führungskräfte Verantwortung delegieren und ihren Mitarbeitenden vertrauen, fördern sie Autonomie und Eigenverantwortung.
  • Loslassen von alten Überzeugungen: Eine Führungskraft, die bereit ist, bisherige Denk- oder Verhaltensmuster zu hinterfragen, zeigt, dass Veränderung bei jedem Einzelnen beginnt – auch bei ihr selbst.

Dieses Vorleben des Loslassens schafft ein Klima, in dem Mitarbeitende sich sicher fühlen, sich ebenfalls auf den Wandel einzulassen.

Räume schaffen, in denen Unsicherheit und Ängste willkommen sind


Außerdem ist es hilfreich, wenn Führungskräfte Räume schaffen, in denen Mitarbeitende ihre Unsicherheiten, Ängste und Widerstände äußern dürfen. Dies tun sie,  indem sie aktiv zuhören, ohne zu bewerten, und empathisch auf die Sorgen ihrer Teams eingehen. Das bedeutet nicht, dass die Führungskraft alle Probleme lösen muss – oft reicht es schon, diese anzuerkennen. Aussagen wie: „Ich verstehe, dass Sie sich über die Veränderungen unsicher fühlen. Das ist völlig normal,“ nehmen Druck und vermitteln, dass Emotionen im Wandel erlaubt sind.

Ein weiterer Punkt ist eine klare, transparente Kommunikation. Unsicherheit entsteht oft durch mangelnde Information. Führungskräfte können Unsicherheiten verringern, indem sie transparent über den Veränderungsprozess sprechen:

  • Warum ist die Veränderung notwendig?
  • Wie sieht der Plan aus?
  • Welche Unterstützung wird es geben?

Wichtig ist hier Geduld. Menschen brauchen Zeit, um sich auf Neues einzulassen. Eine Führungskraft, die immer wieder die Ziele des Wandels kommuniziert und ihre Mitarbeitenden in den Prozess einbindet, gibt Orientierung und schafft Vertrauen.

Führung bedeutet auch, Beziehungen zu gestalten.


Führung bedeutet nicht nur, Prozesse zu steuern, sondern Beziehungen zu gestalten. Mitarbeitende müssen spüren, dass ihre Führungskraft nicht nur ihre Leistung sieht, sondern auch ihre Ängste, Stärken und Bedürfnisse. Eine gute Führungskraft weiß, dass Loslassen ein individueller Prozess ist – manche brauchen mehr Zeit, andere mehr Unterstützung. Indem sie diese Unterschiede wahrnimmt und darauf eingeht, stärkt sie die Beziehung zu ihren Mitarbeitenden und schafft eine Grundlage für einen erfolgreichen Wandel.

Aus meiner Sicht beginnt Führung bei der Selbstführung. Wer als Führungskraft selbst reflektiert, stabil und bereit ist, loszulassen, wird diese Haltung auch im Team fördern können. Es geht nicht darum, jeden Aspekt der Veränderung perfekt zu steuern, sondern eine innere Klarheit und Stabilität auszustrahlen, die das Team trägt. Wenn Führungskräfte das Loslassen vorleben, emotionale Räume schaffen und Beziehungen achtsam gestalten, können Mitarbeitende sich sicher fühlen, das Alte loszulassen und sich dem Neuen zu öffnen. Veränderung wird so nicht nur als Herausforderung erlebt, sondern als gemeinsamer Prozess, der von Vertrauen und Wachstum geprägt ist.

Konkrete Übung für den Führungsalltag

Hast du einen ganz konkreten Tipp oder eine Übung, wie Führungskräfte im Arbeitsalltag das „Loslassen“ bei ihren Mitarbeitenden fördern können?

Ein praktischer Ansatz hierfür ist, aktiv Wertschätzung für das Alte zu zeigen und gleichzeitig das Neue mit Gelassenheit und Offenheit zu führen. In Meetings oder Gesprächen können Führungskräfte bewusst positive Aspekte des bisherigen Systems hervorheben während sie eine konstruktive Haltung gegenüber dem Neuen fördern:

  • „Was hat uns bisher gut gedient?“
  • „Welche Chancen sehen wir gemeinsam?“).

Indem die Führungskraft selbst Stabilität und Vertrauen ausstrahlt, zeigt sie: Loslassen ist kein Verlust, sondern ein ganz natürlicher Prozess des Lebens. Diese Haltung wirkt sich direkt auf das Team aus, weil sie das Gefühl von Sicherheit stärkt – die Grundlage dafür, sich auf Neues einzulassen.

Vielen Dank für diese interessanten Einblicke, liebe Pia!

Pia Hübinger ist Expertin für kontemplative Psychologie, die westliche Psychologie mit östlicher Weisheitslehre verbindet. Mit fast 20 Jahren Erfahrung in Lehre und Forschung an der Universität zu Köln vereint sie wissenschaftliche Tiefe mit praxisnaher Expertise, um Menschen und Organisationen in komplexen Veränderungs- und Entwicklungsprozessen zu begleiten.

Ihr Fokus liegt auf der Gestaltung von Beziehungen – sei es zu sich selbst, zu anderen oder in beruflichen Kontexten. Hier findest du mehr über Pia und ihre Arbeit.

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